Raubrittertum am Mittelrhein

Laut eines aktuellen Berichtes im Spiegel hat die Stadt Köln 2016 knapp zwölf Millionen Euro mit einem Blitzer eingenommen. Wie macht man das? Ganz einfach, man stellt den Blitzer auf 60 km/h Schwellenwert um und “vergisst”, den entsprechenden Bereich in der Baustelle entsprechend auszuschildern. Der dumme Autofahrer sieht nur ein Tempo-80 Schild und wundert sich über den roten Blitz… so auch mir geschehen, als ich zur Betzschen Hochzeit unterwegs war. Laut Foto 71 km/h gemessen, zehn Euro überwiesen, danke schön. Ich hatte mir nicht mal was dabei gedacht, sind halt reichlich Baustellen, ständig wechselnde Tempolimits, hab ich wohl eins übersehen, ärgerlich, kann passieren.

Und auch ein Fehler wie mit dem vergessenen Schild kann passieren. Dreht man den Mist eben zurück, verschickt von mir aus Verrechungsschecks an die Leute, die ihre Knöllchen bereits gezahlt haben. Aber nein, sagt die Stadt Köln, bezahlt ist bezahlt. Klar, man erkennt ja mit der Zahlung sein Vergehen an. Und es sei auch viel zu viel Verwaltungsaufwand, so die Kölner. 35,000 Leute zu Unrecht kassieren, das war euch nicht zu viel Aufwand! Was für eine Arroganz seitens einer von Bürgern bezahlten Verwaltung gegenüber eben diesen Bürgern.

Liebe Stadt Köln, für mich steht damit mein Entschluss fest – ein Besuch der Domstadt ist mir auch zu viel Aufwand. Trinkt eure kleinen Bierchen selber und schunkelt ohne mich zu Fasching.

Berlin Crime Scene

Bücher. Analoges Medium. Oldschool. Und ich als alter Sack nutze es immer noch. Neulich bei Amazon (ja, im schwarzen Herzen es Bösen) wieder ein Buch gekauft. “Der nasse Fisch”, von Volker Kutscher. Ob der Autor mit Ashton Kutcher verwandt ist?

Setting ist das Berlin der 30er Jahre, die Story an sich nichts Besonderes, gut geschrieben aber alle mal. Bin noch nicht ganz durch, zwei Stunden vielleicht noch. 542 Seiten lese auch ich nicht an einem Nachmittag. Aber wieso schreibe ich darüber? Ich bin mal wieder in Berlin gelandet, in den 20er Jahren, irgendwo im Dreck und Schmutz. Und stelle fest, dass mir all das sehr gut gefällt.
Vermutlich liegt es an einem der ersten Bücher, die mich als Kind so richtig gefesselt haben. “Ali und die Bande vom Lauseplatz”, ein altes Buch aus der DDR, entstanden Ende der 50er Jahre. Ein Geschichte um die Kindheit 1923 im Arbeitermillieu, wenig zu fressen, Straßenschlachten zwischen den “Roten” und der bösen Polizei, Tschakos und Gummiknüppel, Schieber (Schwarzmarkthändler) und ein Bonbonladen. Vermutlich hat mich das damals angefixt.

Später kam dann Klaus Kordon, der die Zeit zwischen 1918 und 1945 in drei Büchern aufspreizt. Die 1919er Unruhen (Spartakus, rote Matrosen, Freikorps), dann die “Machtergreifung” 1933 und im letzten Band das Kriegsende und die Besetzung Berlins durch die Russen. Alles aus Sicht der Familie Gebhardt, einer Arbeiterfamilie aus dem Berliner Wedding.
Und wieder all die Mühsal, die die Menschen damals so bewegte – abgeranzte Hinterhäuser, Heimarbeit, Lebensmittelmarken, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Und irgendwie geht es doch immer weiter. “Echtes Leben” halt. Kein Vergleich zum Gegurke anderer Bücher, in denen die Leute nicht mal aufs Klo gehen. Freunde werden zu Feinden, ob nun aus politischer Überzeugung oder weil die Kohle stimmt. Manche werden zu Helden, andere zu feigen Mitläufern. Und alle paar Meter findet sich wieder was, das man googlen kann und weiter in die echte Geschichte eintauchen kann. Das ist natürlich der Vorteil gegenüber reiner Fiktion – da hat es die Geschichte, die im luftleeren Raum schwebt.

So, dann gehe ich mal wieder auf die Couch. Weiterlesen.

Schlagerunsinn

Ab und zu steige ich hinab in die Hölle des deutschen Schlagers. Langsam kommt mir das schon pathologisch vor. Heute war es wieder soweit. “Die Schlager des Jahres”, eine Sendung aus dem Herzen des Landes, eine hessisch-thüringische Co-Produktion, Bratwurst mit Handkäs sozusagen. Mit Showtreppe, Showbalett – nur ohne Dieter Thomas Heck. Dafür Florian Silbereisen als Dompteur des ekstatischen Publikums in Suhl.

Was kam? Gut, den Disco-Fox-Beat aus der Rhythmusmaschine ist man von der Fließband-Grütze gewohnt. Ist ja bei Bieber und Co. auch nicht anders.
Aber was das “Sampeln” angeht, hat es sich diesmal wirklich übertroffen. Inzwischen bin ich ja nun auch schon so alt, dass ich die Originale kenne. Michelle als Opener hat gleich mal den 90er Klassiker Scatman John verwurstet, aber nur als Sample im Refrain. Dann Santaino, finde ich ja eigentlich gut. Aber diese Synthie-Harmonien??? Das kenn ich doch? Mike Oldfield, klatscht es mir ins Gesicht. Steht fairerweise auch auf der Homepage:

“Der Song ist eine deutschsprachige Adaption des Mike Oldfield-Klassikers „To France“.”

Aber dass eine Shanty-Rockband sich so tief in den 80ern bedienen muss? 1984, da waren die komischen Youtube-Poster noch nicht mal geboren. “Ich bin 13/14/15 und finde die Musik gut”. Na, immer noch besser als “wir brauchen mehr solche germanischen Bands”. Ach du lieber Gott…

Danach Heinz Rudolph Kunze, auch ein kleiner Held aus alten Jugendtagen (“Dein ist mein ganzes Herz”, “Finden sie Mabel”). Hat zufällig auch gerade ein neues Album. Besteht nur aus Cover-Versionen, von Udo Jürgens über Hilde Knef bis zu den Toten Hosen. Als dann noch Ross Anthony mit einem übergroßen Plüschbär ein “Lied aus dem Soundtrack zu seinem Kinderbuch” trällerte, bin ich aus der Schockstarre erwacht. Immerhin eine Stunde habe ich es ertragen, irgendwo zwischen geistiger Umnachtung und völligem Entsetzen. Was braucht man “The Walking Dead”, wenn es “Singing and Dancing Zombie-Invasion” gibt?

Ich such mir jetzt erstmal was aus meiner Musikschatulle raus, vielleicht was von Johnny Cash oder doch Led Zeppelin? Dazu ein doppelter Whisky aus der Speyside. Und drücke mir selbst die Daumen, dass mir nicht Michelle mit Ross Anthony heute Nacht im Traum ein Ständchen singen.

Popa Chubby

Schon ein paar Mal hat mir mein alter Kumpel Manfred vorgeschwärmt, wie toll die Konzerte von “Popa Chubby” seien. Gitarre, Blues, Rock, bämm! Zufällig hatte ich bei Eventim mal geschaut und ein Konzert in Bensheim gefunden. Gerade mal eine Stunde zu fahren, dreißig Euro Eintritt,  Freitag abends, kann man mal machen. Manfred kommt auch, vorher wollen wir nebenan beim Chinamann noch ein ein Häppchen essen. Männerrunde. Kann man zu zweit eine Runde sein?

Vom Navi wurde ich dann durch diverse Staus und Wohngebietsstraßen gescheucht und kam prompt zu spät an. Also irgendwie ist das nicht das Gelbe vom Ei, das Gerät. Mal schauen, ob ich in den Einstellungen was finde. Aber egal. Direkt neben dem Parkplatz zwei abgeranzte Häuser mit der Aufschrift “SPIELHALLE”, scheint eine tolle Ecke zu sein. Mal schauen, was der Chinese so kann. Och jo, Büffet, Bier. Mit vollem Bauch kann man sich in der heimeligen Halle des “Musiktheaters Rex” auch besser hinstellen. Direkt neben dem Einlass steht ein Tisch mit CD´s, die man kaufen kann. Verkäufer ist Popa Chubby himself, da gibt es auch gleich noch ein Autogramm mit dazu. Ist einfach eine ganz andere Sache als bei den großen Konzerten, bei denen ich bisher so war. Ein Bierchen noch und dann kommt langsam auch Bewegung auf die Bühne. Als Vor”band” kam Dave Keyes, wie Popa Chubby ein New Yorker Musiker, der den Pianoman miemte. Bisschen Boogie-Woogie, bisschen “Mardi Grass”-Jazz, bisschen Blues. Doch immer wieder beeindruckend, wie jemand mit Können und Routine schöne Musik machen kann. Eine halbe Stunde hat er geklimpert und es zuckte mir schon in den Füßen. Dann meinte er noch, dass er nachher noch bei Chubby in der Band das Keyboard spielen würde. So kann man sich die Kohle für die Vorgruppe auch einsparen! 😉

Kurz nach neun kam dann der Hauptakt auf die Bühne. Und ja, “Chubby” ist chubby… Gitarre umgehängt und “bääääng”, ging die Luzy ab. Wir hatten uns in den Stehplätzen noch ein bisschen nach vorne gemogelt, aber das war mal richtig laut! Nach einer halben Stunde bin ich freiwillig wieder zehn Meter nach hinten gegangen. Die Musik war aber wirklich gut, wenn einem die Ohren nicht mehr geklingelt haben. Klassisches Rock-Setup, Bass, Schlagzeug, Keyboard und Leadgitarre, und alle hatten was drauf. Natürlich kannte man keinen einzigen Song, von einem Jimmy Hendrx-Cover mal abgesehen. Aber tolle Gitarrensoli, teilweise auch improvisiert. Zeitweise auch mal 15 Minuten instrumental, viel Gesang gab es nicht. Insgesamt ging der Gig knapp drei Stunden, erst kurz nach Mitternacht ging die Band nach zwei Zugaben von der Bühne. Gegen Ende wurde es mir etwas lang, immerhin standen wir uns schon seit halb neun die Füße platt.
Ein bisschen was hatte es von Heinz Erhardt oder Rummelplatz. Immer, wenn man dachte “ok, Schlussakkord, Lied vorbei”, bäng, ging es in noch eine Runde.

Fazit für mich: nicht ganz meine Musik, aber für 30 Euro über drei Stunden ordentliche Musik, günstige Getränke und nettes Gebabbel mit dem Kumpel, das war ein guter Abend! Die Lokation hab ich mal in Facebook zugefügt, die scheinen da immer mal nette (Cover-)Gruppen am Start zu haben.

My fat Ruhrpott Wedding

Den Betz kenne ich ja nun schon fünfzehn Jahre. Jumpgate, Spacechannel106 (*seufz*), EVE, WoW – zwar wurden die gemeinsamen Spielstunden seltener, aber der Kontakt riss nie ab. Und spätestens seit dem CD-Deal auf dem Parkplatz verbindet uns sowieso ein enges Band…

Wo ist eigentlich meine Maxi-Version von David Hasselhoff´s “Looking for freedom”?

Hach, was waren wir damals alle noch jung. Und schön. Und voller toller Ideen, was man so machen könnte – “irgendwas mit Weltherrschaft” vielleicht! Nun ist der Kerl auch schon Mitte dreißig und will sich binden lassen? Verrückt, wie die Uhr so rennt. Wie sich das so gehört, hat er uns die Braut erst einmal vorgestellt und bei einem ausgiebigen Appraisal mit Spaziergang und Schnitzel hat sich Silke super geschlagen. Wie zu erwarten war, bis auf seine Autos hat Meik ja schon einen guten Geschmack. *grins*

Und nun sollen wir nach Mühlheim… nein, Moers, Moment, Duisburg… ach lass mir die Ruhe – “ab in den Pott”!!! Ok, das Brautpaar kennen wir, sonst aber keinen Menschen auf der Feier. Bei rund 50 Gästen kann das ziemlich in die Hose gehen… Na, schaun mer mal. Die Mama ist auch das erste Mal für mehr als 24 Stunden vom Baby getrennt. So viele Unwägbarkeiten für ein Wochenende.
Erstmal hinkommen. Praktisch die gesamte Strecke führt über die Autobahn, gut ein Drittel ist Baustelle. RESPEKT. Aber dafür ist wenigstens unser Zimmer fertig und wir können uns vor der Kirche noch in Ruhe umziehen und aufhübschen. Soweit das bei mir noch möglich ist. Mit ü40 ist das auch nicht mehr so einfach! Dafür ist die Kirche in Duisburg einfach zu finden, so mit Navi und so, direkt vor der Tür ein Parkplatz ganz ohne Parkscheibe, Parkschein oder sonstige Schilder. Die sind echt so oldschool, die im Pott! Gefällt mir  – und den anderen Hochzeitsgästen auch.

Zeremonie, nun, ich sach mal, Standard? Nicht böse sein, liebes Brautpaar, aber ein wenig fehlt mir der Sinn dafür. Nur die Metallica-Einlage, die war dufte! “Nothing else matters”, die alten Romatikrocker von der Westküste. Ansonsten – Kleid weiß, Anzug mit Einstecker, Gesangseinlage meinerseits (das Brummen auf dem Video ist KEIN Fehler in der Tonspur!), Hochzeitspaar schneidet Herz aus und braust im schwarzen Betz-Oldtimer von dannen. Oh, Moment, das muss BENZ heißen. Freud´scher Versprecher. Altersbedingt.

Kennt ihr das, wenn ihr auf einer Feier seid, ihr kennt keinen. Und das Gehirn tickert dauernd “doch, den kennst du, aber frag nicht MICH, woher”. So ging es mir, vor allem beim Mann mit Hut, aber auch einigen anderen Gästen. Komisch, komisch. Aber das coole daran war, dass man auch nach ein paar Minuten mit jedem ins Gespräch kam. Eben als ob man sich wirklich schon kennt und heute bei der Hochzeit mal wieder trifft.
Mein erstes echtes Highlight – nach dem Autokorso, leider hatte ich meine Eintrachtfahne nicht mit – war allerdings beim Sektempfang. Ein älterer Herr, graue Haare, schick mit Anzug, Weste, Krawatte, der Sekt perlt im Glas vor ihm. Und im breiten Ruhrpottdialekt meint er so in die Runde “isch hab misch mal ne Currywurst bestellt”. Kam aber doch nur Hochzeitstorte. 😉

Und so ging es den ganzen Abend weiter, leicht ins Gespräch gekommen, bei einigen frischen Eltern hat man da auch Vorteile, wenn man nun mitreden kann. Über Gott und Welt konnte man reden, zu späterer Stunde und ein paar Gläsern Wein auch philosophieren. Um Mitternacht wurde mir böswillig mein Käsebrot geklaut. Auf einer Hochzeit. Verrückt. Hab ich mir eben noch nen Schokokuchen genommen. Glaube ich. War schon dunkel draußen.
Von solchen Feiern nimmt man ja meist außer einem Kater und dem Hotel-Bademantel nicht viel mit – aber diesmal? Auf jeden Fall, dass es ein richtig schöner Abend mit netten Leuten war. Und dass man sich richtig wohl gefühlt hat.  Obwohl – oder vielleicht gerade weil – es wildfremde Menschen waren, die einfach komplett “normal” sind. Nicht gekünstelt, nicht hintenrum, einfach geradeaus. Toll. Habe mir schon den Termin für die Silberne Hochzeit in den Kalender gepackt.

Ach – und noch eins: Ruhrgebiet, graue Industriewüste, ja, das scheint wirklich passe. So viel grün und alles flach. Da kann man prima im Urlaub Kinderwägen schieben. Mal schauen für 2017. Stellt schon mal das Bier kalt!