Covid-19 – ich entspanne mich

Corona. Vor sechs Wochen hätte ich da noch ein Bild von einer durchsichtigen Longneck-Flasche mit gelbem Inhalt vor Augen gehabt. Inzwischen so eine Kugel mit komischen Knubbeln drauf.

Seit gut zwei Wochen ist Deutschland nun im Ausnahmezustand. Als ich nach meinem Zahnarztbesuch vor 14 Tagen (27. Februar 2020) “nur mal schnell” in den Globus bin, stand ich das erste Mal vor leeren Regalen. Toilettenpapier und Nudeln – leer. Dosensuppen – hamma net. Und heute? Am 14. März stürzen sich Hausfrauen auf die letzte Palette Klopapier, die aus dem Lager gekarrt wird. Die Verkäuferin kam nicht mal dazu, die Folie abzumachen. Die Zombieapokalypse ist da. Doch sie wollen keine Gehirne, sondern Zellstoff…

Gestern wurde mein Bildungsurlaub in Berlin abgesagt. Nächste Woche wäre es für eine Woche in die Hauptstadt gegangen. Ein halbes Jahr Planung und Vorfreude fürn Arsch.
Der Kindergarten ist für die nächsten fünf Wochen dicht. Da gleichzeitig auch Sachen wie Zoo, Museum oder “lass mal zum Flughafen fahren” ausfallen, wird das hart für Großeltern – und auch für den Alexander.
Letzte Woche war ich im Homeoffice. Lief soweit ganz gut, aber schon ziemlich öde. Montag muss ich wieder ins Büro. “1/3 der Mitarbeiter muss vor Ort sein”. Im tiefsten Back-Office, wo alles über EDV und Telefon funktioniert. Unverständlich. Aber gut, dafür sind die Kantinenzeiten von drei auf fünf Stunden gestreckt worden. Damit es keine Staus an der Essensausgabe gibt. Wenigstens sollen die Autobahnen frei sein.

Ich bin mir unsicher, was ich von dem ganzen Aufriss halten soll. Vieles davon klingt nach Sachen, die man bisher nur aus Büchern, Filmen oder Games kannte. Die Straßen ausgestorben. Das öffentliche Leben ausgeknipst. Und selbst die Profiligen, ob in Europa oder USA – drei Wochen Pause oder gleich komplett eingestampft. Daran merkt man, dass die Entscheider unter Druck sind. Ich mein, wen juckt schon der Ausfall einer Kleinkunstbühne in Eddersheim? Aber die knipsen die Profifußball aus! Die meinen es ernst.

Jetzt mal stramm stehen für vier bis acht Wochen, im Mai/Juni wird sich das beruhigt haben. (Oder es sind alle tot, bis auf Kakerlaken, Chuck Norris und Modern Talking). Ansonsten bleibt nur, jede Nachricht zu hinterfragen. Gerade in den asozialen Netzwerken geht wieder ein Grütze um, das ist die wahre Pracht. Wobei auch die Aussagen der Politiker nicht wirklich besser sind. Ob nun Trump in den USA (“wir werden den Virus besiegen!” – “ach ne, lieber mal nationalen Notstand ausrufen!”) oder in Deutschland. Binnen weniger Stunden drehen sich da Spiralen nach oben, kein Verlass.
Und dennoch: gegenüber all dem hat meine Oma im Krieg mehr Ärger über eine deutlich längere Zeit mitgemacht. Gut, die hatten auch den Keller voll mit Eingemachtem. Ob sie genug Klopapier hatten? Am Ende war es Oma vermutlich scheißegal…

Kurze Bestandsaufnahme – drei Flaschen Whisky, ebenso viel Fruchtsaft, Dosenwurst und 14 Rollen Klopapier. Damit komme ich über die Runden. Denke ich. Bleibt gesund und schaut nach euren Leuten.

Zu den Wurzeln

“We drove to the small village our family came from in Poland (formerly Deutschland) and saw the homes of my Oma, Opa, and their families.
While I left feeling like I’d finally concluded some sort of important thing, the fact that the current residents said (in Polish) that the new generation has forgotten the old wounds was important.
We need to build a future together. As a new generation, the past should not prevent us from creating a better future.”

So hat es mein kanadischer Cousin bei Facebook geschrieben. Und ich kann es kaum besser beschreiben. Wir hatten uns letzte Woche in Berlin getroffen und sind nach Kolsko (ehemals Kolzig) in Niederschlesien gefahren. Drei Stunden Fahrt, um mal zu schauen, wo man so herkommt. Bei ihm stammen sogar beide Großeltern mütterlicherseits aus dem Dorf, bei mir nur der Opa väterlicherseits.
Was soll man über Kolsko heute sagen? Ein kleines Dorf im Niemandsland, eine Kirche, ein stillgelegter Bahnhof und viel alte Bausubstanz. Hier und da ein bisschen marode, an anderer Stelle hübsch renoviert. Eigentlich wie in Deutschland auf dem Land auch – wo jemand da ist, der sich kümmert (und das Geld hat), ist es schön. Der Rest… nicht so.

Dank Chris´ Handy und der Übersetzung-App (reinsprechen in Englisch, Output in Polnisch nach 5 Sekunden!!!) kamen wir sogar schnell mit den Bewohnern in ein kleines “Gespräch”. Nachdem seine Mutter einfach durch eine offene Tür in Haus stürmte, das gerade renoviert wurde…
Ein älterer Mann brachte uns zwei Straßen weiter zu einer Frau, die in Bremen als Altenpflegerin arbeitet und entsprechend gut Deutsch sprach. Dabei wurde einem klar, wie klein dieses Dorf wirklich war – und ist. Ein Haus, vor dem wir gestanden hatten, war das Elternhaus von Chris´ Großvater. Vor dem Krieg. Und nach dem Krieg war es das Elternhaus unserer Gesprächspartnerin. Klein die Welt, noch kleiner Kolzig.

Der Mangel an Renovierung machte den Ausflug besonders spannend. In der Straße vor Opas Elternhaus (damals ein Bauernhof, heute Autowerkstatt) liegt noch Kopfsteinpflaster. Und so wie das aussieht, könnte vor 80 Jahren mein Opa darauf laufen gelernt haben. Ebenso wie die Treppe in der Schule und andere Sachen. Vieles wurde in Deutschland nach dem Krieg und “vor meiner Zeit” abgerissen, hier in Kolsko nicht.

Letztlich machte der Ausflug zwei Sachen deutlich – den heutigen jungen Bewohnern ist die Geschichte ihres Dorfes nicht egal, sie wissen immer noch, welche deutschen Familien irgendwo gewohnt hatten. Doch gibt es nicht mehr die Angst vor “den Deutschen”, die irgendwas zurück haben wollen.

Zum anderen sind die Unterschiede zwischen dem ländlichen Polen und dem deutschen Hinterland kleiner als gedacht.
Landflucht, Verfall, abgehängt von der Staatsbahn, Schlagworte, die man auch in der Eifel oder in Meck-Pom kennt.

Die Zeit vergeht

Alexander. Drei Jahre, zwei Monate alt. Seit drei Monaten im Kindergarten. Hat sein erstes Freundschaftsbuch zum Ausfüllen bekommen. Mit DREI! Leute Leute, was geht denn heute ab? Der kann noch nicht mal schreiben… Aber gut. Dafür wird er vermutlich Shakespeare in der dritten Klasse im Original lesen und eine fünfzehnminütige Präsentation darüber abfeuern. Oder so.

Flashback. Ich hatte auch ein paar Mal das Vergnügen, in so ein Buch zu schreiben. Ist inzwischen dreißig bis fünfunddreißig Jahre her. Was mag ich damals hinein geschrieben haben? Lieblingsbuch? Film? Musik? Wir reden hier immerhin von den 80ern. Hoffentlich steht da nicht irgendwas komplett Peinliches… Doch wenn ich so an mich damals zurück denke, befürchte ich das Schlimmste. Modern Talking. Bestimmt. Bud Spencer im Film. Bücher irgendwie ???, Fünf Freunde und TKKG.

Ich hatte kein solches Buch, von mir muss niemand etwas befürchten. Doch ob bei irgendeinem meiner Mitschüler/innen noch so was rumliegt? Mit meinem pubertären Gekritzel, alten Träumen von der Raumfahrerkarriere (Perry Rhodan!) oder Kaiser der Welt und wen man damals so scharf fand. Keine Ahnung, manche Dinge bleiben wohl besser in den Tiefen der Zeit vergraben.

Bahnhöfe Deutschlands

Eine kleine Reise ins Rheinland. Paar Leute aus der EVE-Community treffen. Was trinken. Schnell mit dem ICE hin und zurück. Soweit der Plan….

Vor ein paar Monaten erzählte der IFL-Asket von einem EVE-Treffen in Köln. Man könnte doch mal… Wieso eigentlich nicht. Köln ist ja quasi um die Ecke, schnell mal hin und abends mit dem letzten Zug heimwärts. Der Zug mit Supersparpreis war sogar billiger als das Auto vermutlich gewesen wäre – inklusive Versand 45 Euro. Das wäre mit dem Meriva vermutlich allein der Sprit gewesen. Ohne Parkhaus etc.

Also, Hühner satteln, die S-Bahn bringt mich pünktlich nach Frankfurt. Das war dann auch der einzige pünktliche Zug für heute. Wieso? Viele Gründe gab es. Erstmal wurde uns in Frankfurt ein Ersatzzug hin gestellt, den Grund habe ich nicht mehr mitbekommen. War genug damit beschäftigt, fünf Minuten vor der geplanten Abfahrt von Gleis 7 nach Gleis 19 zu hecheln. Ja, die Deutsche Bahn tut was für die Volksgesundheit! Dann wurde noch ein Lokführer gesucht, der einen Führerschein für den nagelneuen ICE-4 hat. Folglich hätte ich gar nicht hetzen brauchen, mit zehn Minuten Verspätung ging es los. Das Kabuff vom Zugchef war nur ein paar Schritte von meinem platz entfernt, so konnte ich ausgiebig mithören. Zunächst einmal ist die Schnellfahrstrecke über Limburg wegen Bauarbeiten gesperrt. Das ganze Wochenende. Unser Zug wird über das Mittelrheintal umgeleitet, Mainz, Koblenz, Bonn. Also quasi Rheinromantik gratis dazu. Ein bisschen romantisch wurde ich schon, als wir durch Rüsselsheim und das Opelwerk rollten…
Über die Gustavsburger Brücke ging es dann nach Rheinland-Pfalz, die Brücke hatte ich bisher nur mit Rad befahren. Immer mal was Neues. Weiter dann über Mainz ins sonnige Rheintal. Binger Loch, Deutsches Eck, Ehrenbreitstein, Schiffe gucken. Der Zugchef müht sich derweil damit ab heraus zu finden, wie seine Fahrgäste ab Köln weiter kommen sollen. Sehr gemischtes Publikum, die Passagieren wollen nach Amsterdam, Brüssel, ins Ruhrgebiet oder nach Düsseldorf. Und durch die geschätzte Verspätung von einer guten halben Stunde sind natürlich alle Anschlüsse weg. Die Zugbegleiter haben sich wirklich Mühe gegeben, neue Verbindungen für alle zu finden. Mir war es wurscht, ich muss vom Hauptbahnhof nur über die Brücke zum Deutzer Bahnhof. Easy. Am Ende hatte der Zug in Köln nach drei Rheinüberquerungen immer noch eine gute halbe Stunde Verspätung, das sah zwischendurch schlimmer aus.

Also, rein in irgendeine Regionalbahn und rüber auf die “Schäl Sick”. Zielgenau auf dem Bahnsteig noch in falsche Richtung gelatscht und am falschen Ende rausgegangen, aber dann – altes Bahnhofsgebäude, Schild “Brauhaus”, Rifter-Modell auf dem Biertisch. Ankunft. Endlich mal total normale Leute. Und der Köbes stellt mir ein richtiges Bier hin. Na gut, es waren einfach zwei Kölschgläser auf meinem Bierdeckel. Aber immerhin. Dazu noch ein bisschen Gequatsche über Gott und die Welt, viel gelacht und bisschen Gemotze. Schön wars. Und Bier gabs auch. Reichlich. Und noch einen Korn. Und ein leckeres Schnitzel mit Pfifferlingen. Nur wieso bei der Küche “Pommes und Kartoffelpüree” ankam statt “Bratkartoffeln statt Pommes” – vermutlich Übersetzungfehler zwischen Hochdeutsch und Kölsche Dialekt. Man muss nur höllisch aufpassen, dass einem der Köbes (nicht Kellner nennen, dann Kölnverbot!!!) nicht noch einen Kühlschrank, zwei Versicherungen und drei Bier mehr aufredet – verkaufen konnte der Bursche.

Nach zwei Stunden zog die Karawane weiter. Irgendwer hatte Durst auf Cocktails bekommen. Ich eigentlich nicht, aber man läuft halt so mit. War auch nicht weit, in einer Seitenstraße war eine kleine kubanische Kneipe. Sieht nett aus, allerdings nehmen unsere elf Leute schon ziemlich viel Platz weg.

Kleiner Einschub – an dem Kubaner waren wir 2010 vorbei gelaufen und sind drei Häuser weiter bei einem schlechten Mexikaner gelandet. Tja. Mist. Damals hat das Kilo Gambas noch 25 Euro gekostet, 2018 sind es 31,50, 26% Inflation in 8 Jahren.

Happy Hour für Cocktails. Erst mal langsam mit einem Eistee anfangen. Lecker. Mit Frank, den ich von Meiks Hochzeit her kannte (die Welt ist klein, jawoll), wurde noch ein White Russian auf Meiks wohl geleert. Jetzt aber auch mal etwas langsamer tun. Ein Wasser. Gute Sache, so ein Gerolsteiner, perlt angenehm im Hals. Mal schauen, ein bisschen Hähnchen mit Tomatenchilisoße geht noch, Grundlage ist wichtig. Ich wusste ja immerhin noch wann mein Zug nach Hause geht. Aber nach dem leckeren Essen gingen noch ein Hurricane und ein Fernet Branca rein.

Nun ist es aber wirklich Zeit. Deckel bezahlt. Gemütlich zum Deutzer Bahnhof gelaufen. Ziemlich gerade, bin ich mir sicher! Was ist denn eigentlich hier los? Lauter Leute in komischen Kostümen. Das war mir vorhin schon aufgefallen. Was hatte Mampfredus gesagt? “Kölner Karneval im Sommer”. Krass, da war wohl um 20 Uhr auch Feierabend, entsprechend voll waren die Bahnsteige.

Noch ein Einschub. Beim Bäcker Ditsch am Kölner Hauptbahnhof kostet die Käse-Schinken-Stange 2,10 EUR. Mittags in Frankfurt hatte die 2,20 gekostet. Und die Nummer mit der vegetarischen Butter-Brezel verstehe ich immer noch nicht. Schreibt halt RAMA-Brezel dran…

Im Hauptbahnhof wurde es schon ruhiger, das meiste Gedränge war noch auf den Bahnsteigen der Regionalbahn. Ich setzte mich auf eine Bank, knusperte meine Brezel und füllte ein bisschen Wasser nach. Ein Blick auf den Zuganzeiger. Intercity nach Frankfurt 20:53 (+10). Na danke, noch mal Verspätung. Und länger auf dem Bahnsteig sitzen. Da hätte ich doch noch ein Kölsch trinken können. Vielleicht auch zwei. Na, besser wohl nur eins. Der Intercity war ziemlich leer, aber mir war nach ein bisschen Ruhe. Nanu, ein leeres Abteil? Ist das auch komplett reserviert? Nein, da steht nur “Kleinkinderabteil” dran. Vier Sitze, dafür Platz an der Tür für Kinderwagen. Ein schneller Blick in die Runde, keine Muttis mit Kinderwagen und Säugling zu sehen. So what. Rein gesetzt, breit gemacht. Und was für eine Ruhe. Entspannt glitt ich durch das dunkle Rheintal, der Intercity fährt da regulär lang, Halt in Bonn, Koblenz, Mainz und Frankfurt-Flughafen.
Ich finde es schön, so im durch die Nacht zu fahren. Draußen die Dunkelheit, ab und zu unterbrochen von einem kleinen Bahnsteig im Nirgendwo. Bevor man erkennen kann, wo man ist, ist es schon wieder schwarz vor dem Fenster. Kennt ihr das Lied “City of New Orleans” von Arlo Guthrie?

Half way home, we’ll be there by morning
Through the Mississippi darkness
Rolling down to the sea
But all the towns and people seem
To fade into a bad dream

So fühlte ich mich. Ein bisschen. Lesen, Wasser trinken und meine Käsestange knuspern. So verging die Zeit, auf dem Rhein beleuchtete ab und zu ein Partydampfer das Wasser mit bunten Farben. Irgendwo hinter Koblenz war ein Volksfest. Kerb, Weinfest, jedenfalls mit Riesenrad und Breakdancer.

Depp. Nimm doch erst Google zur Hand. Das war der Rummelplatz vom Binger Weinfest.

Schott-Ceran steht da an der Fabrik, da sind wir wohl schon gleich bald in Mainz. Das Rechnen geht los. Kriege ich die geplante S-Bahn nach Hofheim noch? Ernüchterung. Nein, dass passt um gute fünf Minuten nicht. Und am Flughafen aussteigen? Nein, nicht um nach Kanada zu fliegen. Obwohl die Idee nicht schlecht ist… aber es gibt noch den X17-Bus rüber nach Hofheim. Ne, auch den kriege ich nicht mehr. Also entspannen und auf zwanzig Minuten weiteren Aufenthalt freuen. Als der Zug dann auf Gleis 1 im Frankfurter Hauptbahnhof hielt, war ich aber trotzdem der Erste auf dem Bahnsteig. Komisch. Naja, langsam Richtung S-Bahn wackeln und feststellen, dass in Frankfurt nachts auch komische gestalten am Bahnhof rumgeistern. Ganz ohne Karneval.

Zu guter Letzt hat die S-Bahn auf dem kurzen Stück nach Hofheim auch noch mal vier Minuten Verspätung produziert. Reicht für dieses Jahr nun aber echt! Fast halb eins, der Schlüssel passt fehlerfrei ins Schloss. Ich bin wohl wirklich wieder nüchtern, vier Stunden nach dem letzten Alkohol. Frau und Kind schlafen schon brav. Da mache ich jetzt mit. Schön war´s in Köln!

Links:
https://www.latinocubana.de/
http://www.deutzerbrauhaus.de/de/
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6bes
https://www.jeckimsunnesching.de/

Die Küste, endliche Weiten

Wenn es irgendwo gut war, wieso sollte man anderes blind ausprobieren? Also geht auch der Bildungsurlaub 2018 nach Potshausen im Overledingerland. Thema: “Weltnaturerbe Wattenmeer”. Die Reise in den Norden verlief… schleppend. Frühstück mit Papa, ab ins Auto, hoch motiviert, am Wiesbadener Kreuz Kurs Nord eingeschlagen und – STAU, von Idstein bis Limburg. Und schon war der Zeitplan Essig. Auch der Rest der Strecke bestand gefühlt zur Hälfte aus Baustellen, so richtig zügiges Fahren kam nicht auf. Doch um halb fünf fuhren wir auf den Parkplatz des EBZ Potshausen, bisschen später als geplant, doch nur genug Zeit zum Auspacken und Erholen. Ich hatte sogar dasselbe Zimmer wie beim letzten Mal, Platz genug. Abendessen wieder im Deterner Krug, lecker Schnitzel mit Bratkartoffeln, Pilzen und Rotweinsoße. In Detern war übrigens Burggarten-Fest, Unmengen an Autos. Total ungewohnt.
Montag morgens Frühstück, man lernt die ersten Kursteilnehmer kennen. Anschließend noch ein bisschen Pause, der offizielle Teil startet ja erst um 13:00. Kurzleitung macht wieder der Heinz, das war schon Auswahlkriterium. Die schon gewohnte Statistikrunde ergibt, dass ich der Jüngste in der Runde bin, niemand U40 und nur zwei von über zwanzig U50. Eindeutig fehlt da der Nachwuchs. Besonderen Wert legt Heinz auf die Wattwanderung, ausgiebig weißt er auf die Besonderheiten hin – richtiges Schuhwerk, Sonnenschutz und ausreichende Kondition. Ein bisschen mulmig wurde mir da schon, mein leichtes Übergewicht werde ich wohl im Schlick doppelt merken. Aber ich entschied mich, das durchzuziehen und nicht mit der Fähre nach Borkum überzusetzen.
Doch erstmal die Theorie. Das Wattenmeer. Zieht sich von den Niederlanden entlang der deutschen Nordseeküste bis nach Dänemark. Die riesigen Flächen, die bei Ebbe trockenfallen, sind weltweit einmalig und ein riesiger Lebensraum für eine ebenso einmalige Flora und Fauna. Seit 1986 ist der niedersächsische Teil Nationalpark, Teile sind für Menschen nicht mehr zu betreten, sogenannte “Ruhezonen”. Spätestens seit dieser Zeit gibt es ein Gegen- und Miteinander verschiedener Gruppen: Naturschützer, Küstenschützer (Deichbau), Landwirtschaft, Fischerei, Industrie, Tourismus. Jeder will was von dem schönen Flecken Erde und die meisten Forderungen sind direkt gegensätzlich. Spannend, und in der Tiefe kennt man es als Binnenländer auch nicht. Ein Film “Land in Sicht” zeigt, wie sich das Land im Jahr so verändert, welche Vogelarten wann hierher kommen, zum Rasten oder auch für länger. Kein Wunder gibt es zum Thema “Vogelzug” eigene Seminare hier.
Abendessen Matjes mit Bratkartoffeln. Muss man mögen, meins sind die Fischfilets nicht so ganz. Aber passt schon. Die erste Nacht mochte mein Rücken noch nicht so arg, fremde Betten, wer kennt das nicht. Das sollte über die Woche aber besser werden.

Morgenstund hat Gold im Mund. Der “Clearstream”-Wecker warf mich viel zu früh aus dem Bett, nein, ich will nicht um halb sechs aufstehen! Duschen. Frühstück. Tee. Brot. Wurst. Noch ein kleines Lunchpaket packen, dann ab zu den Autos, heute gibt es eine große Rundreise. Erster Stopp ist das Dollart-Museum in Bunde, dass ein ehemaliger Telekom-Ingenieur (Vorruhestand) seit einigen Jahren praktisch als Alleinunterhalter betreibt. In diversen Dioramen ist die Geschichte des Deichbaus dargestellt. Alles in seiner Freizeit hergestellt, eine Heidenarbeit – mehrere hundert Zahnstocherteile (“Zaunpähle”) anzumalen, mit Bindfaden zu verbinden und aufzustellen… muss man schon nen leichten Hau haben für?! Sehr schön konnte er allerdings vermitteln, dass auch der Deichbau in früheren Jahrhunderten eine Knochenarbeit war. Der Boden ist wohl extrem fest und schwer und die ganze Erde musste vor dem Deich, Richtung Meer, ausgehoben werden. Dann auf kleine Karren, den Deich hoch, und da verfüllt werden. Später in der Woche sahen wir “Küstenschutz 2000”, schwere Planierraupen, große Traktoren, die Hänger voller Erde zu riesigen Haufen transportierten. Auf einem großen Display (ebenfalls Marke Eigenbau, mit der Schalttechnik der 80er) konnten wir sehen, wie sich die Küstenlinie am Dollart verändert hatte. Im späten Mittelalter hatten große Sturmfluten riesige Gebiete an der Emsmündung verschlungen und den Dollart entstehen lassen. Viele Dörfer wurden aufgegeben. Doch ab dem 17. Jahrhundert wurde schon wieder Land zurück gewonnen. Polder für Polder wurde eingedeicht und wieder landwirtschaftlich genutzt. Auch einige Exponate aus dieser Ära sind im Museum ausgestellt und werden von unserem Guide zum Leben erweckt.
Nun aber endlich wieder Tee. Und lecker Torte. Weiter geht´s. Nanu. Die Straßenschilder sehen plötzlich so komisch aus. Der Vogelposten “Kiekkaste” liegt doch wirklich in Holland. Nein. Niederlande. Landshcaft Groningen. Einen knappen Kilometer geht es über einen Bohlenweg durchs hohe Schilf, dann steht man unter einem Beobachtungsposten wie aus einem SciFi-Film. Ein paar Meter hoch auf Stelzen errichtet ein Einfamilienhaus mit Seeschlitzen in alle Richtungen. Mit Vaterns Fernglas aus alten Armeebeständen konnte man sogar einiges sichten. Wieso sind da eigentlich kyrillische Buchstaben drauf? Aus den Beständen WELCHER Armee? Irgendwie volkseigen? Ach so.
Zur Mittagspause ging es nach Ditzum, kleines Dörfchen mit 700 Einwohnern, kleinem Fähr- und Fischereihafen und zu wenigen Parkplätzen. Auf dem Weg zum Fischbrötchen führt der Weg durch schnuckelige Gassen, vorbei an einer Kirche mit separatem Turm und einer Windmühle (Gallerieholländer, letztes Jahr gelernt). Die Sache mit dem separaten Kirchturm erklärt sich ganz einfach: der Marschlandboden hier oben wäre für eine Kirchen mit integriertem Turm nicht stabil genug, darum sind es zwei getrennte Bauwerke.
Von Ditzum aus geht es zum “Bohrturm” Dyksterhusen, eine alte Plattform, von der aus in den 60er Jahren mal nach Erdgas gesucht wurde. Erfolglos. Heute ein schöner Aussichtspunkt mit Blick über den Dollart Richtung Niederlande. Vor den Deichen kann man gut die Buhnen und Lahnungen sehen, mit denen das Vorland befestigt wurde. Allerdings werde hier kein Land mehr gewonnen, stattdessen dienten die Befestigungen heute nur noch als Wellenbrecher und damit dem Schutz der bestehenden Deiche. Schwimmen könnte man hier auch, aber nach einem Blick ins braune – und vermutlich kalte – Wasser wollte irgendwie keiner.
Nach einem Schluck Tee geht es weiter, letzter Punkt heute auf der Liste ist der Polder “Holter Heinrich”. Die Geschichte dieses Polders ist recht banal. Durch die Kanalisierung der Ems und ihrer Zuflüsse konnte es bei Starkregen (Sturm) zu Überflutungen des hinter dem Deich liegenden Landes kommen. Die alten Mechanismen der Natur waren ja durch Kanäle, Begradigungen und Sperrwerke außer Kraft gesetzt. Also wurden neue Überflutungsgebiete ausgewiesen, die solche Wassermengen aufnehmen können. Teilweise wird es als Grünland bewirtschaftet, teilweise ist die Fläche auch gänzlich naturbelassen. So können Zugvögel hier in relativer Ruhe rasten und sich vollfressen. Mal ein Beispiel, wie Hochwasserschutz und Naturschutz in die gleiche Richtung arbeiten können.
Abendessen. Immer wieder wichtig. Spargel, Sauce Hollandaise, junge Kartoffeln, Schinken. Ja, eine ordentliche Küche hat es hier.

Die braucht es am nächsten Tag auch, denn nun steht die Wattwanderung an. Heute das tagesfüllende Programm, mit knapp einer Stunde Fahrt nach Neßmersiel, wo uns der Waldschrat aufgabelt. Nein, der Wattführer ist vom Nationalparkhaus Dornumersiel und sieht nur sehr urig aus. Ordentlich eincremen, heute hat es wieder warm und Sonne. Dazu mein Kanadasouvenir auf den Kopf und die Schuhe fest verschnürt. Die werden sicher auf Baltrum in die Tonne wandern, aber bis dahin müssen sie am Fuß sitzen. Denn seit einigen Jahren gibt es im Watt pazifische Austern und barfuß in die rein latschen macht wohl arg Aua. Übrigens wieder was gelernt, denn diese Austern gehören hier gar nicht ins Wattenmeer und gefährden die einheimischen Miesmuscheln.
Die Wattwanderung. 7,7 Kilometer, rund drei Stunden. Ein mieser Schnitt? Auf keinen Fall. Ungefähr 40 % gingen durch Schlickwatt, dieser fiese Moder, in dem man steckenbleibt und den Fuß nur mit List und Tücke wieder raus bekommt. Idealerweise mit Schuh. Harte Arbeit für mich, erst kurz vor Baltrum war es dann durchgehend Sandwatt, auf dem man wie auf einem festen, nassen Sandstrand läuft. Insgesamt gingen die Lehrstunden etwas an mir vorbei, weil bis ich wieder bei der Gruppe war, ging es schon weiter. Doch immerhin so viel – bloß weil man nur Schmodder und Sand sieht, heißt das nicht, dass es kein Leben gibt. Im Gegenteil. Wattwürmer, Muscheln ohne Ende, Krebse zum Anfassen und in den Prielen natürlich auch Fische. Von noch kleinerem Gekräuch mal ganz abgesehen.
Bei dem tollen Wetter war es sehr anstrengend und am Anfang auch mit viel Fluchen verbunden. Aber auch ein Erlebnis. Bei 12 Grad und Regen oder am besten noch Nebel will ich da draußen nicht lang schleichen…
Auf Baltrum angekommen – Fuße säubern. Schuhe und Socken waren triefnass und voller Schlamm, Schlick und wie das Zeug noch so heißt. Also ab in die Tonne, Ersatz hab ich mit. Das Wasser ist eiskalt, aber den Füßen macht das auch nix mehr. Leider ist die Futterstelle genau HEUTE zu, also nur das Lunchpaket zur Verpflegung. Laut App hat mich die Wanderung immerhin 1450 kcal und einen halben Liter Wasser gekostet. Mit der Fähre geht es dann zurück zum Festland, vorbei an ein paar Seehunden und durch die bei Flut immer noch schmale Fahrrinne. So vom Schiff aus sieht das Watt schon viel entspannter aus, allerdings sieht man auch, wie schnell die Priele vollaufen und wie schnell es mit der spaßigen Wanderung um sein kann. Bei Hochwasser sind die Stellen, die wir durchwanderten, zum Teil zwei, drei Meter unter Wasser.
Nach dem Anlegen geht es zum Nationalparkhaus nach Dornumersiel. Den Bildungsauftrag schiebt die Ausstellung mehr auf “die Kleinen”, klar, hier werden sicherlich Schulklassen gut unterhalten. Wenn man gerade das alles “live” hatte und noch Eindrücke sortieren muss, ist es etwas dünne. In einer Blackbox nach Muschel- und Krebsschalen tasten, wenn man gerade echte, lebendige in der Hand hatte… naja. Zum Abschluss noch einen Erdbeer-Eisbecher (nicht so gut, wie Krifteler Erdbeeren), dann retour nach Potshausen. Komplett erledigt noch Schweinebraten mit Knödeln vertilgt (lecker lecker), das reicht für heute.

Noch eine Runde Exkursion am Donnerstag, diesmal mit dem Schwerpunkt Küstenschutz und Vogelwelt. Matthias Bergmann – Dipl.-Ing. Landespflege, Zertifizierter Waldpädagoge, Obstbaumfachwart. Klingt nach einem vom Fach. Und wirklich, Vögel gucken geht besser, wenn einem jemand sagt, wo man hinschauen muss. Super getarnt, das Viehzeug. An mehreren Stationen ging es zu Fuß weiter, und es wurde klar, wie eng teilweise Industrie (Erdgasspeicherung unter Tage), Tourismus (Badestelle an der Ems), Küstenschutz (Deich) und Naturschutz (Vogelschutzgebiet) nebeneinander sind. Und ebenso klar wurde es, dass Menschen, die zu blöde sind, Schilder zu lesen, in Naturschutzgebieten echten Schaden anrichten können. Zum Beispiel können brütende Vögel aufgeschreckt werden, den Stress haben die nicht gerne. Auch Zugvögel brauchen bei der Rast ihre Ruhe. Und wenn dann noch “Experten” ihre Hunde frei laufen lassen, dann hakt es echt aus… Interessanterweise haben Kitesurfer weniger Einfluss auf die Brutvögel, unserer Guide hatte dazu mal eine Studie gemacht im Landesauftrag und einen Sommer lang das beobachtet und dokumentiert.
Am Leuchtturm Campen (im Programm dachte ich “Campen, Schauen wir uns nen Zeltplatz an??? Irgendwas mit Tourismus?!”) sahen wir dann Küstenschutz des 21 Jahhunderts. Nichts mehr mit Schubkarre und Spaten, sondern schweres Gerät. Und viel Staub. An dieser Stelle wird Kleiboden, der vor dem Deich erst als Puffer angelegt wurde, wieder abgetragen. Dadurch soll es wieder natürliche Salzwiesen geben, die durch den menschlichen Eingriff verschwunden sind. Und der Klei wird genutzt, um den Deich ein bisschen zu erhöhen. So hab ich es zumindest verstanden.
Weiter ging es nach Pilsum, bekannt für einen gewissen rot-gelben Leuchtturm. Der aber nicht so im Fokus stand wie die Fischbrötchen. An einer kleinen Vogelbeobachtungsstation konnte man noch mal Vögel gucken, ebenso später vom Deich aus. Vorm Deich waren wieder ältere Befestigungen zu sehen, die aber “zu gut” funktionieren. Die Entwässerungsgräben funktionieren so gut, dass die typischen Wiesen vor dem Deich zunehmend überwuchert werden und die Vegetation wie der Girsch verdrängt werden. Das beeinflusst wiederum auch die Fauna, weil z.B. manche Vögel sich auf diese Salzvegetation spezialisiert haben. Hängt echt alles zusammen hier!
Noch ein Abstecher nach Greetsiel, einem alten Fischerhafen, dann endet das Programm am Donnerstag. Backsteinbauten zeugen von einem früheren Reichtum hier, der Hafen ist inzwischen durch eine künstliche Halbinsel, die Leyhörn vom direkt Meerzugang abgeschnitten. Da aber beim Bau dieser Halbinsel – Küstenschutz mal wieder – eine Schleuse eingebaut wurde, können die Krabbenkutter aus Greetsiel tidenunabhängig in die Ems und damit ins Wattenmeer schippern. Mitgedacht, da war sicher auch einiges an Lobbyarbeit notwendig in den 80er Jahren.
Traditionell gibt es am Donnerstag Abend ein kleines Fest für die Seminarteilnehmer. Sommerzeit, also wird gegrillt, dazu Salate. Lecker schmecker. Und auch beim Bier wird noch mal zugegriffen und gequatscht, ob und was man in den letzten Tagen so Neues gesehen hat. Vieles kennt man schon aus dem Fernseher oder aus Büchern. Doch “in Farbe und bunt” wird das alles viel greifbarer. Und man kapiert mal wieder, dass es Naturschutz nicht für umsonst gibt und dass man auch als Tourist achtsam sein sollte, wo man seine Quadratlatschen absetzt.

Der Freitag ging zügig vorbei, noch ein Dokufilm über den Küstenschutz. Was so ansteht, auch im Zuge des Klimawandels und der Erhöhung des Meeresspiegels. Und einige Zeitzeugen von der letzten großen Flut 1962. Jupp, die Sturmflut, die Helmut Schmidt berühmt machte in Hamburg. Wieder so ein typischer Aha-Moment. Die Flut kennt jeder, und auch die Bilder aus Hamburg. Helikopter, die Menschen von Dächern retten und so weiter. Doch dass natürlich an der ganzen Nordseeküste, eben auch am Dollart und damit nur ein paar Kilometer von Potshausen weg, Deiche brachen, Menschen in Gefahr gerieten und großer Sachschaden entstand, das hatte ich nicht so direkt im Kopf. der Seminarleiter erzählte, dass damals sein Vater ein Fuhrunternehmen hatte (LKW) und Vater und Bruder voll eingespannt wurden bei der Deichsicherung, Tag und Nacht verzweifeltes Arbeiten gegen die Naturgewalten.
Aus der Wikipedia: bei Völlen (knapp 20 Kilometer von Potshausen) brach ein Emsdeich, das Dorf wurde überschwemmt, ein BW-Soldat starb bei den Rettungsmaßnahmen. Am Kanalpolder direkt am Dollart wurden die Deiche stundenlang überspült und schwer beschädigt, brachen aber nicht. Da waren am Dienstag lang gefahren auf dem Weg zum Kiekkasten…
Noch ein bisschen Feedbackrunde und dann war es das für 2018.

Nachdenklich ging es zum Mittagessen, Freitag, also Backfisch. Schon wieder lecker. Die wissen echt, wie das geht! Noch einmal Mund abputzen, das Auto war morgens schon gepackt und es geht heimwärts. Stau und Stau durch den Ruhrpott und um Köln herum. Danach ging´s. War klar, ab da ist auch mein Papa gefahren…

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