Heldengedenken
So so. Heute ist also Allerheiligen. Die Mexikaner feiern den Dia de Muertos, morgen ist Allerseelen. Insgesamt eine Zeit, den Toten zu gedenken.
Normalerweise ist mir das ziemlich egal, Menschen leben, Menschen sterben. Zigtausendfach. Doch gerade seit Freitag Morgen fühlt es sich anders an. Dabei ist nur ein Schauspiel gestorben, auch noch einer aus dem Ausland. Und in seiner Rolle weiter weg von uns als die meisten anderen. Ja, ich rede von Patrick Stewart, gestorben mit 86 “nach kurzer schwerer Krankheit”. Es ist jetzt 36 Jahre her, als ich mit meiner Mutter auf der heimischen Ledercouch saß. Laut Wikipedia am 7. September 1990 flimmerte im ZDF eine neue Serie über den kleinen Röhrenfernseher.
„Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“
Und unter den vielen Gesichtern der Chef von dem Laden, Jean-Luc Picard. Und der zugehörige Schauspieler, Patrick Stewart. Er hat viele Rollen gespielt, aber für mich war er immer Picard. In unfassbar jungen Jahren, wobei er beim Dreh von TNG auch schon 47 war. Aber auch im Spätwerk “Star Trek Picard”, in dem er den alten Mann spielt, der es aber nochmal angeht. Weil er einfach nicht anders kann. So wie Patrick Stewart sich auch nicht auf die faule Haut gelegt hat nach Star Trek – Theatervorstellungen, Filme als Schauspieler und Synchronsprecher, Hörbücher. Allein vier Star Trek-Filme, dazu diverse Auftritte als Professor Xavier in X-Men-Filmen.
Aber nicht nur in seinen Rollen hat er mich beeindruckt. Man bekommt in Social Media immer mal diese kurzen Clips gezeigt, oder Ausschnitte von Talkshows. Und immer erlebte ich ihn als sehr wortgewandt, höflich, gebildet, an seinem Gegenüber interessiert. Es war schwer, hier zwischen Picard und Stewart zu unterscheiden. Aber vielleicht hatte Stewart auch einfach sehr viel von sich selbst in die Rolle fließen lassen. Ich kann es nicht sagen. Es hat mich jedes mal beeindruckt.
Und so hat mich vermutlich am Freitag Morgen die Nachricht so viel mehr getroffen, dass er gestorben ist. Abends habe ich dann meine Schränke durchwühlt und die Blurays von NextGen rausgewühlt. Vor Jahren gekauft, wegen Corona – “kann ich im Homeoffice endlich mal durch gucken”. Nie gemacht. Wer kennt´s nicht. Den Sohn geschnappt und gesagt: “wir schauen mal was”. Bei einigen Szenen musste ich wirklich ein Tränchen verdrücken, gerade im Vorgriff auf die letzte Staffel von Picard, die den Großteil der alten Besetzung nochmal auf der Enterprise-D-Brücke zusammen brachte. Ryker noch rank und schlank und ohne Bart, Troi in einem Röckchen, dass allein das FSK-12 bedingte, Worf noch mit wenig Maske – und in der Mitte Patrick Stewart. Der Shakespeare-Schauspieler. Der Fels in der Brandung. Bei dem die Emotionsausbrüche doppelt schwer wogen, weil sie so selten sind. Noch 175 Folgen warten auf das (Wieder-)Sehen. Und nochmal alles neu lernen.
Gedenken. An den Vater meiner Mutter, der mir beigebracht hat, dass harte Arbeit auch Erfüllung bringen kann. An seine Frau, die mir zwar kein Rezept übermittelt hat, aber von der ich gelernt habe, wie man mit Liebe kocht. An meinen anderen Großvater, der mir das Radfahren beigebogen habt – vermutlich die schwierigste Aufgabe seines Lebens. Kerzen stelle ich in zwei Wochen auf, wenn ich wieder auf der Südseite des Mains bin.
